Woher kommt der Kreidegeschmack im Champagne?

Ein Streifzug durch das Wann, Wo, Was und Warum des weissen Wunders.

Als ich meine Reise in die Welt des Schaumweins begann, verstand ich die Faszination um die Kreide zunächst nicht. Sollten Weine von Kreideböden tatsächlich „kreidig“ schmecken? Wissenschaftlich belegt ist: Der Geschmack von Kreide oder Mineralien gelangt nicht direkt über die Wurzeln in die Trauben. Dennoch zeigen Weine, deren Reben in sehr dünnem Oberboden über Kreidegestein wurzeln, oft einen klaren, straffen und vibrierenden Charakter – während Weine aus nur wenige Meter entfernten Parzellen mit tieferem Oberboden runder und fruchtiger wirken. Dies ist nicht immer der Fall, aber es kommt oft genug vor, um selbst skeptische Weinkenner stutzen zu lassen.

Diese geheimnisvolle Spannung zwischen Wein und Boden ist eines der schönsten Rätsel der Champagne, dass vielleicht nie ganz gelöst werden kann.

1. Wann entstand die Kreide?
Die Kreide der Champagne entstand in der späten Kreidezeit des Erdmittelalters, also kurz vor dem Aussterben der Dinosaurier und dem Beginn des Tertiärs. Damals lag Nordeuropa noch weit unter dem Meer begraben. Als  allerdings Abermilliarden von Plankton-Organismen starben, sanken ihre kalkhaltigen Reste (Coccolithen) auf den Meeresgrund. Dort bildeten sie Sedimentschichten aus Calciumcarbonat, in denen auch andere Meerestiere wie Belemnitella Mucronata, Actinocamax und Micraster Coranguinum versteinerten. So entstand über Millionen Jahre hinweg das, was wir heute als Champagner-Kreide kennen.

sous sol champenois

Wand eines Kellers in der Champagne (c)champagne.fr

2. Wo? – Die geologische Karte der Champagne
Kreide findet man fast überall in der Champagne – doch nur dort, wo sie nahe an der Oberfläche liegt, prägt sie den Weinbau auch wirklich.
Die älteren Kreideschichten liegen tiefer, während jüngere, spätere Schichten (z. B. Campanien-Kreide) an den Hängen sichtbar werden. Grund dafür ist die geologische Bewegung des Pariser Beckens: Während sich das Zentrum absenkte, wurden die Ränder angehoben, wodurch ältere Schichten im Osten und Südosten freigelegt wurden.

Typisch ist die Kreide etwa:
• an den Hängen der Montagne de Reims (besonders auf der Südseite um Bouzy),
• in der Grande Vallée von Mareuil-sur-Aÿ bis Damery,
• sowie entlang der Côte des Blancs, wo die Osthänge der berühmten „Cuesta“ liegen.
Hier wurzeln viele der grössten Chardonnay-Reben der Welt.

3. Was ist Kreide eigentlich?
Kreide ist eine besonders reine Form von Kalkstein, also ein Sedimentgestein, das aus den Überresten mikroskopisch kleiner Meereslebewesen besteht. Sie besteht hauptsächlich aus Coccolithen – winzigen, kalkhaltigen Platten abgestorbener Planktonorganismen, die sich über Jahrmillionen zu einem feinkörnigen, porösen Kalkstein verdichteten. Nach dem Rückzug der Meere und geologischen Hebungen gelangte die Kreide an die Oberfläche, überlagert von jüngeren Schichten aus Sand und Ton. Durch ihre weiche Struktur verwittert sie leicht und formt die sanften Hügel, die das Landschaftsbild der Champagne und Englands prägen.

Bezeichnungen wie „Belemnite“- oder „Micraster“-Kreide dienen heute als geologische Marker:
• Belemnitella (aus der oberen Campanien-Kreide) gilt als besonders hochwertig,
• Micraster (aus der Santonien-Schicht) als weniger günstig für den Weinbau.
Diese Einteilung ist jedoch eher traditionell als wissenschaftlich belegt.

4. Kreide ist nicht gleich Boden
Wie der Geologe Alex Maltman in seinem Werk Vineyards, Rocks & Soils betont, ist nicht das Gestein, sondern der Boden entscheidend für das Wachstum der Rebe. Denn der Boden ist ein lebendiges System – ständig in Bewegung durch Wind, Wasser, Erosion und menschliche Bewirtschaftung. Hier leben Mikroorganismen, die über Struktur und Fruchtbarkeit entscheiden. Deshalb ist es irreführend, Weinstile allein auf den geologischen Untergrund zurückzuführen. Oft hängt der Unterschied zwischen „guter“ und „schlechter“ Kreide vielmehr von Topographie, Drainage und Frostgefahr ab als vom Alter des Gesteins.

5. Warum? – Die Wirkung der Kreide im Weinbau
Kreide wirkt wie ein natürlicher Wasserspeicher und kann bis zu 400 Liter Wasser pro Kubikmeter aufnehmen und durch feine Poren und Mikrorisse langsam wieder abgeben. In Trockenzeiten versorgt sie die Reben mit Feuchtigkeit, verhindert also „Trockenstress“ und bei starken Regenfällen nimmt sie überschüssiges Wasser auf, ist also ein idealer Puffer. Diese Fähigkeit sorgt selbst in schwierigen Jahren für Stabilität im Weinberg. Dennoch zeigen auch grosse Lagen auf Kreideböden (z. B. 2015) manchmal Stresserscheinungen. Denn die Realität ist komplexer, als romantische Terroir-Geschichten oft vermuten lassen.

Textur und Durchlässigkeit
Nicht jede Kreide ist gleich: Manche Schichten sind kompakt, andere porös oder mit Ton und Feuerstein („silex“) durchsetzt. Die Architektin und Terroir-Forscherin Mariagiovanna Basile (Enographiae) betont, dass die Textur – also die Körnung und Struktur – oft wichtiger ist als das Alter der Kreide. Winzer wie François Petit (La Rogerie, Avize) beobachten, dass Reben auf fragmentierter Kreide tiefer wurzeln und dadurch Weine mit ausgeprägter Mineralität hervorbringen. In zu harten Schichten dagegen breiten sich die Wurzeln horizontal aus und nutzen die Wasserspeicher weniger effizient.

Belemiten in Kreide

„Belemniten“-Fossilien – ausgestorbene Kopffüsser mit röhrenförmigem Skelett

Kalzium und Chemie
Kalkhaltige Böden sind alkalisch (hoher pH-Wert um 8,0 – 8,3).

Das bedeutet:
• Sie fördern eine gute Bodenstruktur,
• verbessern die Belüftung und das Bodenleben,
• und beeinflussen die Nährstoffaufnahme.

Für den Wein ist entscheidend, dass auf solchen Böden Trauben mit niedrigerem pH-Wert entstehen – ein Schlüssel zu Frische, Spannung und Langlebigkeit im Schaumwein. Kalzium verhindert zudem übermässige Kaliumaufnahme, was sonst den Säurehaushalt des Weins stören würde. Es stärkt ausserdem die Beerenschale und kann Pilzkrankheiten vorbeugen.

Der weisse Untergrund als Zauber der Champagne

Kreide ist mehr als nur Kalk – sie ist ein Gedächtnis der Ozeane und das stille Rückgrat aller grossen Champagner. Ihr hoher Kalziumgehalt, ihre natürliche Feuchtigkeitsregulierung und ihre poröse Struktur schaffen Bedingungen, die feine, langlebige und energiegeladene Weine hervorbringen. Was bleibt, ist das magische Zusammenspiel von Geologie, Klima, Mensch und Rebe – und ein leises Staunen darüber, wie aus uralten Meeresablagerungen ein Wein entstehen kann, der immer wieder die Welt verzückt.

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